
Gegen die Kurien-Rambos
Für einmal ging der Preis des
dissidenten Schweizer Theologen Herbert Haag an kirchentreue Monsigniori:
Ihr Enthüllungsbuch aus dem Vatikan gilt als Sensation.
Von Michael Meier
Vor Wochenfrist haben die
Schweizer Bischöfe dem emeritierten Tübinger Theologieprofessor Herbert
Haag seiner unorthodoxen Ansichten über das Priesteramt wegen
hochoffiziell das Vertrauen entzogen. Die beste Werbung für den zornigen
alten Kirchenmann und seinen renommierten Preis. Jedenfalls strömten am
Freitagabend die "Freundinnen und Freunde der Freiheit" in
Scharen ins Luzerner Hotel "Schweizerhof" zur 10. Verleihung
des Herbert-Haag-Preises für Freiheit in der Kirche. Nach den
dissidenten Theologen Eugen Drewermann, Leonardo Boff oder Bischof
Gaillot wurde diesmal der Luzerner Kapuziner Dietrich Wiederkehr geehrt -
zusammen mit Lorenzo Ruggero vom antiklerikalen Verlagshaus Kaos
Edizioni.
Enthüllungen von rechts
Der Mailänder Verleger nahm den
Preis stellvertretend für den schwer erkrankten Luigi Marinelli
entgegen. Der pensionierte römische Monsignore veröffentlichte letztes
Jahr zusammen mit 19 Bischöfen und Priestern der Kurie unter dem
Pseudonym "I Millenari" das Pamphlet "Via col vento in
Vaticano". Mit dem ersten Insider-Buch aus dem Vatikan landete die
Gruppe einen Knalleffekt. Marinelli wurde als einziger geoutet, die Sacra
Rota machte ihm umgehend den Prozess.
Nicht zuletzt wegen der
Radikalkritik an der Kirchenspitze wurde das Buch als sensationelles Werk
der Progressisten gefeiert. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich der nun
auch auf Deutsch übersetzte Bestseller ("Wir klagen an") als
Enthüllungsbuch von Rechtskatholiken. Hinter dem "erstickenden
Schwefelgeruch im Innern der Kirche" wittern sie eine Verschwörung
der Freimaurer. Die "Logenbrüder" hätten sich zuoberst in der
Hierarchie eingenistet und seien schuldig an der "Defloration der
Liturgie" - von den Geschichten um die P2-Exponenten Sindona, Gelli,
Calvi ganz abgesehen.
Als bekennende Marienverehrer hören
die Monsignori insbesondere auf die Botschaften, welche die Gottesmutter
den drei Hirtenkindern in Fatima 1917 offenbarte. Die Prälaten sind überzeugt,
dass sich in unseren Tagen das berühmte Fatima-Geheimnis erfüllt, das
da heissen soll: "Bischöfe gegen Bischöfe, Kardinäle gegen Kardinäle
unter grossem Leiden des ohnmächtigen Papstes."
Folgerichtig nehmen die Prälaten
Karrieresucht, Intrigantentum und Korruption an der Kurie aufs Korn. Die
derzeit einflussreichste kardinale Seilschaft, der "Clan
Romagnoli" unter Purpurträger Achille Silvestrini, habe die grössten
Chancen, den nächsten Papst zu stellen. Der Clan bilde eine eigentliche
Schattenregierung und schicke den Papst auf Reisen, um nach Belieben
schalten und walten zu können.
Lockige Pagen und Spitzel
Während 80 Prozent der
Kurienangestellten wie fleissige Ameisen arbeiteten, gebärdeten sich die
machthungrigen 20 Prozent als "Kurien-Rambos",
"Speichellecker", "Denunzianten" und
"Spitzel". Offenbar ist es im Vatikan gang und gäbe, Feinde am
Telefon zu überwachen und für Freunde akademische Titel zu kaufen. Überhaupt
geht nichts ohne Vettern- und Günstlingswirtschaft, ohne das geschmierte
Zusammenspiel von "Protektoren und Protegés". Der Typ der
"langlockigen Pagen", der sich "vom Gürtel an abwärts
verwende", wird "Madonno" genannt. Doch aufgepasst:
Im kurialen Kreise ist Erpressung ein beliebtes Mittel, den Gegner
kaltzustellen.
Mögen die Prälaten noch so
konservativ sein, ihr Mut zur Offenheit ist für den Luzerner Theologen
Herbert Haag absolut preiswürdig. Und Hans Küng, Präsident der
Herbert-Haag-Stiftung, hält das Buch deshalb für so bedeutsam, weil
hier die "Treuesten der Treuen in der Kurie" Zweifel hegten am
"absolutistischen, verrechtlichten, klerikalen römischen
System". In seiner von Fernsehmann Erwin Koller verlesenen Rede zur
Preisübergabe nannte der Tübinger Theologe die "verhinderte
Kurienreform" als Ursache für die "ernsthafte Struktur- und
Verfassungskrise" der heutigen Kirche.
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